Die grosse Sehnsucht

2. – 9. Februar 2020

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7. Februar 2020

Fachhochschule Graubünden

19:30 Uhr

«Die Welt muss romantisiert werden!» – Und warum Märchen unsterblich sind

Ein Science-Slam Abend zu den spannensten Fragen und Ideen der Romantik - gestern wie heute.

Traumwelten und sehnsuchtsvolle Liebe, dunkle Ruinen und Märchen, Doppelgängerei und der grosse Weltschmerz – doch Romantik ist so viel mehr. «Die Welt muss romantisiert werden», sprach Novalis und scheint damit aktueller denn je. Warum ist das so? Was ist Romantik, was sind ihre Motive und wo finden wir sie im 21. Jahrhundert wieder? Und ist die Romantik gar die Wiege unserer modernen Gesellschaft? In pointierten, unterhaltsamen Beiträgen von maximal 8 Minuten gehen neun hochkarätige Key-Speaker aus Wissenschaft und Kultur diesen Fragen nach und spannen einen faszinierenden Bogen von der Romantik des 19. Jahrhunderts und ihren Märchen bis zu den ökologische und kosmischen Fragen von heute. 

Mit
Dr. Michael Maar (Literaturkritiker, Heinrich-Mann-Preisträger),
Prof. Dr. Alfred Messerli (Universität Zürich),
Dr. Karin Fuchs (Institut für Kulturforschung Graubünden),
Prof. Dr. Günther Dissertori (ETH Zürich, CERN Genf),
Dr. Gabriele Rommel (Novalis Gesellschaft),
Dr. Alexandra Besson (Schriftstellerin, Novalis Preisträgerin),
Prof. Dr. Holger Ehrhardt (Grimm Professur Universität Kassel),
Dr. Andreas Weber (Biologe und freier Autor),
Dr. Malte Völk (Kulturwissenschaftler und Ethnologe, Universität Zürich)
Prof. Dr. Ulrich Hauser-Ehninger (Fachhochschule Graubünden)

Moderation: Andrea Fischer-Schulthess (Intendantin Miller’s Studio Zürich, Minitheater Hannibal)

Eintritt: CHF 25,00 / Schüler und Studierende CHF 18,00 / IV CHF 18,00

Vortragsthemen:

Dr. Michael Maar (Schriftsteller und Literaturkritiker, Heinrich Mann Preisträger):

«Hexenwisper - Warum Märchen unsterblich sind»

Märchen sind oft dramatisch unlogisch. Aber diese scheinbare Unlogik kann die Asbestschicht sein, die um einen glühenden Kern gehüllt sind: ein Tabu, von dem nur indirekt erzählt werden kann. Michael Maar hat der Literatur schon so manche Geheimnisse entlockt. Am Beispiel von „Hänsel und Gretel“ versucht er dieses Mal zu zeigen, was uns die Subtexte verraten und warum Märchen unsterblich sind. 


Prof. Alfred Messerli (Universität Zürich):

«Der deutsche Wald» – Märchenhafter Mythos der Romantik

Die Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm sind ohne den Wald nicht zu denken. Die deutsche Romantik hat ihn recht eigentlich „erfunden“; er wird zu einem identitätsstiftenden, beseelten Ort. In fast der Hälfte der Grimm‘schen Märchen kommt er vor. Dabei ist er poetisch nur wenig ausgestaltet. Er ist präsent, ohne dass ein detaillierteres Bild von ihm gegeben würde. Der Wald ist vor allem groß und wild, mitunter tief, dunkel, gefährlich, finster und oft verwunschen. In der germanischen Mythologie war der Wald ein Ort religiöser Verehrung. Der heilige Wald war Sitz von Göttinnen und Göttern. Der Wald im Märchen ist eine Fiktion und er ist zugleich real. Er ist ein archetypischer Ort der Angst und spiegelt das eigene Unbewusste. Hier muss man über sich hinauswachsen und Reifungsprozesse durchmachen.


Prof. Holger Ehrhardt (Grimm-Professur Universität Kassel):

„Die Suche nach der verlorenen Vergangenheit. Von den unbekannten Forschungen der Brüder Grimm“

Jahrhundertelang waren die Zeugnisse der deutschen Frühgeschichte verdrängt von der Kunst der klassischen Antike. Erst die Romantiker richteten am Beginn des 19. Jahrhunderts den Blick rückwärts und versuchten das vergessene deutsche Altertum wiederzuentdecken. Die gründlichsten Forschungen dazu unternahmen die Brüder Grimm in Kassel, und ihre weltbekannte Märchensammlung (1812/15) war nur ein erster Schritt auf diesem Weg. Auch ihre Sammlung von Volksüberlieferungen, ihre Forschungen zur germanischen Sprachgeschichte und Literatur des Mittelalters, zur Rechtsgeschichte, Mythologie und Sittengeschichte, kurzum: ihr gesamtes Lebenswerk war dieser Suche nach der verlorenen Vergangenheit verpflichtet. Doch diese Arbeiten sind heute weitestgehend unbeachtet und missverstanden. Ist es den beiden berühmten Romantikern überhaupt gelungen, den Urmythos des Deutschen zu entdecken? Und wissen wir heute schliesslich mehr dazu?


Dr. Karin Fuchs (Institut für Kulturforschung Graubünden)

«An der Quelle» - zu den heilenden Wassern Graubündens

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebten die Heilquellen Graubündens mit der zunehmenden Werbung für Kurorte auch einen Schub der romantischen Überformung. Dabei ging es im Zug der Touristifizierung von Trink- und Badekuren nicht mehr allein um einen wissenschaftlichen, medizinischen Diskurs, vielmehr rückte die Quelle auch als Motiv einer bewussten Auseinandersetzung mit der Natur in den Vordergrund. Dieser Prozess lässt sich sehr schön am Beispiel von St. Moritz und dem Protagonisten Conradin von Flugi zeigen: Förderer des Kurorts und Schöpfer romantischer Quellen-Legenden. 

 

Dr. Malte Völk (Universität Zürich):

«Von Doppelgängern, Briefträgern und dem grossen Weltschmerz» – Jean Paul und die Wortschöpfungen der Romantik 

Jean Paul gehört zu den wichtigsten Literaten der Zeit um 1800 und er prägte die deutsche Sprache und Literatur nachhaltig. Er wurde verehrt, seine Werke euphorisch gelobt oder vehement verworfen. Er hat vieles, was die Romantik im Kern ausmacht, in seinem literarischen Werk geradezu exzessiv ausgelebt. Aber immer dann, wenn es ihm gewissermaßen "zu romantisch" wird, kommt als ausgleichende Kraft der Humor ins Spiel, der das Romantische verändert, aber nicht zerstört. Diese Eigenheit verschafft Jean Paul innerhalb der Literatur der Romantik eine Sonderstellung. Doch nicht nur damit prägte Jean Paul die deutsche Sprache und Literatur nachhaltig. Denn wer weiss schon, dass Wortschöpfungen wie Doppelgänger, Schmutzfink, der Briefträger oder das romantische Jahrhundertwort Weltschmerz aus seiner Feder entsprungen sind?

 

Dr. Alexandra Besson (Schriftstellerin, Journalistin, Novalis-Preisträgerin)

„Prophetische Träume in der Romantik – Von der romantischen Offenbarung bis zur Europaidee“

Romantiker sind Träumer. Bei Kleist wird Traum zum Schicksal, auch Novalis, Jean Paul, Keats, Tieck oder noch die Franzosen Nerval und Gautier sind fleißige Träumer. Der romantische Traum bleibt aber nicht bei einer harmlosen Realitätsflucht – er hallt in der Wirklichkeit nach und wird zur Verheißung. Die Romantiker greifen ältere Zeiten wieder auf, als Träume in der Antike eine prophetische Tragweite besaßen, und verleihen ihnen die Würde einer Offenbarung. Der Traum hat einen Schicksal tragenden, spirituellen, religiösen, sogar einen politischen Sinn. Er dient der Heraufbeschwörung eines utopischen „goldenen Zeitalters“, die als Zeit einer allgemeinen Versöhnung verstanden werden soll. Der romantische Traum ermöglicht nicht nur das Loslassen von dieser Welt: er will eine neue erschaffen. Vielleicht sind wir heute Kinder der Romantik und träumen in unseren ganz aktuellen Fragen zu einer versöhnlichen Zeit ihre Träume fort?

 

Dr. Gabriele Rommel (Präsidentin Novalis Gesellschaft)

«…unendliche Räume in dunkles Blau gekleidet» Von der kosmischen Poesie des Universalgenies Novalis.

Weshalb ist es gerade die Farbe Blau, die zum Symbol für romantische Kunst wurde; läßt sie sich reduzieren auf unendliche Sehnsucht und zeitlose Ferne?

Seit der Frühromantik bis heute sind die „blaue Blume“ und die Farbe Blau Symbole für die Fantasie in der Welt und in der Kunst, für den Schwebezustand zwischen Wachen und Träumen. Auch in jüngster Vergangenheit liessen sich Schriftsteller wie Hermann Hesse und Michael Ende von ihr inspirieren. Der naturwissenschaftlich gebildete Novalis sah in der Farbe Blau auch die reine Poesie – für ihn waren Farben „Farben des Wissens“. So führt uns der Dichter in Kunstmärchen, Gedichten und Romanen auf die poetische Reise durch die Reiche der Natur, des Wissens und der Fantasie, und geht mit seinen Betrachtungen sogar bis in den Kosmos, in dem sich „unendliche Räume in dunkles Blau gekleidet“ zeigen.

  

Prof. Günther Dissertori (ETH Zürich, CERN):

«Das sich selbst reflektierende Universum: Der ultimative Sinn des Lebens?»

Seit dem Urknall vor knapp 14 Milliarden Jahren hat sich das Universum aus einer Ursuppe von Elementarteilchen heraus in das entwickelt, was wir heute um uns sehen. Wir selbst sind ein Teil dieses «Systems Universum», welches durch uns in einen Zustand der Selbsterkenntnis bzw. Selbstreflexion gelangt ist. Ist genau dies unsere spezielle Rolle in der Geschichte des Universums, der Sinn unserer Existenz? Und, wie wird sich diese Selbstreflexion fortsetzen? Fragen eines romantischen Pantheismus, naturwissenschaftlich inspiriertes Märchen, oder doch mehr? 


Dr. Andreas Weber (Biologe und Autor):

«Alles Fühlt. Warum wir die schöpferische Wirklichkeit beschützen müssen» - Ein Plädoyer für die romantische Versöhnung von Natur, Mensch und Ökonomie.

Bis heute gelten Lebewesen technisch gesehen als Dinge. Lange sprachen Biologen Pflanzen und Tieren Gefühle und Erfahrungen ab. Die Welt der Körper und Sinne erschien als leblose Illusion – und der Mensch fand sich darin als Fremder wieder. Diese Sicht kommt an ihr Ende. Alles Lebende, so zeigt sich, fühlt, alles Körperliche hat eine seelische Dimension - eine gar romantische Sicht der Dinge! Wir können unser Bewusstsein als eine Erscheinungsweise dieser beseelten Welt verstehen. Fühlende Erfahrung ist nicht das Privileg des Menschen, sondern das Prinzip einer lebendigen Wirklichkeit, deren schöpferische Kraft sich in unzähligen Individuen und deren Erfahrungen äußert. Der Mensch steht nicht außerhalb dieser Welt, sondern ist zutiefst auf sie angewiesen. Nur wenn wir die Lebendigkeit schützen, werden wir unsere Menschlichkeit bewahren können.


 

 




Dauer: 2.5h

Eintritt: CHF 25,00 / Schüler und Studierende CHF 18,00 / IV CHF 18,00